Der diagnostische Blick: Wahrnehmen, verstehen, handeln
Wie können Lehrpersonen Kinder und Jugendliche besser verstehen und auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer gemeinsamen Veranstaltung der Autonomen Hochschule Ostbelgien (AHS) und des Bildungsausschusses des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft anlässlich des Welttags der Lehrerin und des Lehrers. Über 60 Teilnehmende kamen am 8. Oktober 2026 in der AHS zusammen, um sich mit der Bedeutung pädagogischer Diagnostik im Schulalltag auseinanderzusetzen.
Nach der Begrüßung durch AHS-Direktorin Isabelle Weykmans und Liesa Scholzen, Vorsitzende des Bildungsausschusses, eröffnete Prof. Dr. Lucia B. Amrhein von der Universität Duisburg-Essen den Abend mit einem Impulsvortrag. Die Moderation übernahm Heike Verheggen.
Pädagogische Diagnostik beginnt im Alltag
Unter dem Titel „Zehn Sekunden – Pädagogische Diagnostik zwischen Kategorisieren und Verstehen“ verdeutlichte Professorin Amrhein, dass Diagnostik weit mehr umfasst als standardisierte Tests, Gutachten oder die Feststellung eines Förderbedarfs. Sie ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil professionellen pädagogischen Handelns.
Anhand einer alltäglichen Unterrichtssituation zeigte sie, wie Lehrpersonen innerhalb weniger Sekunden das Verhalten eines Kindes wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren. Entscheidend ist dabei, nicht vorschnell zu bewerten oder Verhaltensweisen bestimmten Eigenschaften eines Kindes zuzuschreiben, sondern mögliche Hintergründe und Bedürfnisse zu verstehen.
Professionelle Diagnostik erfordert deshalb einen bewussten und reflektierten Blick. Wissenschaftlich fundiertes Wissen muss mit dem Verstehen der individuellen Lebens- und Lernsituation eines Kindes verbunden werden. Dabei gilt es, eigene Annahmen kritisch zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen.
Mit dem „Smart Action Loop“ stellte Professorin Amrhein zudem ein praxisnahes Modell vor, das pädagogische Fachkräfte dabei unterstützt, auch in herausfordernden Situationen überlegt und beziehungsorientiert zu handeln. Im Mittelpunkt stehen das Verstehen von Verhalten, das Entwickeln begründeter Hypothesen und das Ableiten geeigneter pädagogischer Maßnahmen.
Erfahrungen aus der ostbelgischen Bildungspraxis
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde der Blick auf die pädagogische Praxis in Ostbelgien gerichtet. Lara Emonts und Thierry Dodémont aus dem Kindergarten des César Franck Athenäums Kelmis, Elena Wersand aus der Grundschule des Königlichen Athenäums St. Vith, Catherine Nütten vom Robert-Schuman-Institut Eupen sowie Christoph Heeren von Kaleido berichteten von ihren Erfahrungen und Herausforderungen.
Besonders deutlich wurde die Bedeutung des kollegialen und multiprofessionellen Austauschs. Unterschiedliche Perspektiven helfen dabei, das Verhalten und die Lernbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen differenzierter zu verstehen und gemeinsam geeignete Unterstützungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine solche Zusammenarbeit Zeit, geeignete Strukturen und die Unterstützung der Schulleitungen voraussetzt. Auch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern spielt eine wichtige Rolle.
In der Diskussion mit dem Publikum wurde zudem das Spannungsverhältnis zwischen notwendigen diagnostischen Kategorien und einer individuellen Betrachtung von Kindern und Jugendlichen aufgegriffen. Diagnosen können helfen, Unterstützungsmaßnahmen zu ermöglichen, dürfen aber nicht dazu führen, Menschen auf einzelne Merkmale oder Schwierigkeiten zu reduzieren.
Ein gemeinsamer Blick auf die Kinder und Jugendlichen
Der Abend machte deutlich, dass pädagogische Diagnostik nicht in erster Linie dem Einordnen und Bewerten dient, sondern dem Verstehen und Unterstützen von Lern- und Entwicklungsprozessen. Dafür braucht es fachliche Kompetenzen, eine reflektierte pädagogische Haltung und die Bereitschaft, eigene Sichtweisen immer wieder zu hinterfragen.
Mit der Veranstaltung setzten die AHS und das Parlament ihre gemeinsame Veranstaltungsreihe zum Welttag der Lehrerin und des Lehrers fort, die seit 2016 regelmäßig Raum für den Austausch über zentrale Fragen von Bildung und Unterricht bietet.
Der Abend klang bei einem gemeinsamen Umtrunk und weiteren Gesprächen aus.
Fotos: Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft